Das Orakel und weiße Magie & Voodoo

Orakel gab es zu jeder Zeit.

Was hat sie hervorgebracht, vielleicht sogar notwendig gemacht? Warum sind sie wieder verschwunden und was ist von ihrer Rückkehr im 20. Jahrhundert zu halten?

Seit der Mensch vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, seit sein Bewusstsein erwacht ist, befindet er sich in einer Sondersituation. Er ist aufgehängt zwischen Leben und Tod, wobei seine ganze Aufmerksamkeit dem Todespol zugewandt ist. Denn als einziges Lebewesen

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hat er Entscheidungsfreiheit mit der daraus entstehenden Verantwortung
macht er sich Sorgen um die Zukunft
versucht er sein Schicksal zu ergründen
erkennt er seine Abhängigkeit von der übermächtigen Natur
versucht er stets das Richtige zu tun, um sich und seine Sippe zu schützen
Orakel

Was aber ist das Richtige? Das altchinesische Orakelbuch I Ging hat darauf eine ganz einfache Antwort: „Wenn der Rechte, das Rechte zur rechten Zeit am rechten Ort in rechter Weise tut, dann ist es in Ordnung.“ So einfach ist es. Denn wenn der Mensch im Einklang mit der höheren Ordnung ist, dann fühlt er sich sicher und geborgen. Und um das herauszufinden, was in Ordnung ist, befragt er das Orakel. Uns sind vier klassische Orakelmethoden überliefert, die allesamt auf dem Zufall beruhen. Was dem heutigen Menschen befremdlich erscheinen mag, war für die Menschen früherer Zeiten ganz naheliegend. Der Zufall war für sie nicht belanglos oder absurd. Gerade im Unvorhersehbaren offenbart sich der göttliche Wille, während das Handeln von Menschen absehbar ist. Deshalb nennt man das Befragen von Zufallsorakeln auch divinieren, denn das lateinische Wort Divination bedeutet Schau des göttlichen Willens.

Die klassischen Orakelmethoden

Los – Orakel

Ein Los zu werfen, um eine Entscheidung oder eine Antwort herbeizuführen, ist ein Brauch, der sicherlich in allen Kulturen bekannt ist. Die allereinfachste Form ist das Werfen einer Münze. Weitaus differenzierter wird es, wenn man, wie beim I Ging, sechsmal drei Münzen wirft und so das Hexagramm ermittelt, dessen Bedeutung man in dem altehrwürdigen Orakelbuch nachlesen kann.

Orakel: Die Deutung von Formen

Das lateinische Wort Omen bedeutet Vorzeichen. Damit verbindet sich die Überzeugung, dass alles in der Welt miteinander vernetzt ist, sodass man von einem Ereignis auf ein anderes, ein nächstes schließen kann. Weil die Omen häufig besorgniserregend gedeutet wurden, hat unser Wort ominös bis heute einen eher düsteren Charakter.

Orakel: Die Bedeutung von Omen

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Hierzu zählt vor allem das Auspicium, die Vogelschau, die vor allem im alten Rom die Aufgabe der Vogelschauer (lat. Auguren) war. Dass Vögel Zukünftiges wissen, ist eine alte Überzeugung. Deshalb wurden Götter, die die Zukunft schauen konnten, stets von einem oder mehreren Vögeln begleitet. So etwa der ägyptische Weisheitsgott Thot vom Ibis, der griechische Apollon, dem das Delphische Orakel gehörte, von den Kranichen, und der germanische Weisheitsgott Odin, der sich die Gabe der Weisheitsschau erst durch das Opfer eines Auges erkaufen musste, von den beiden Raben Hugin und Munin, die seither auf seinen Schultern sitzen und ihm alles erzählen, was in der Welt geschieht.

Es gab aber auch einfachere Orakeltechniken, um aus einer Form eine Botschaft zu entnehmen. Beispielsweise aus der Bewegung des Rauches, der aus einem Weihegefäß aufsteigt, aus der Form von Wachs, das man in kaltes Wasser tröpfeln lässt oder aus der Struktur der Asche, die ein Feuer hinterlässt. Nicht zuletzt waren die Ölorakel sehr beliebt, bei denen man einen Tropfen Öl auf eine Wasseroberfläche gab, dessen Form man dann deutete.

Orakel: Spontane Divination

Hierbei handelt es sich um Orakel, die jeder Mensch als Kind schon gemacht hat. Sie beruhen auf spontan vereinbarten Systemen, wie beispielsweise: Wenn die Anzahl der Stufen dieser Treppe ungerade ist, bedeutet das „Ja“. Oder wenn man den Kopf mit geschlossenen Augen zum Fenster wendet, sie öffnet und das Erste, was man sieht, eine bestimmte Bedeutung hat. Man kann auch ein Buch aufschlagen und mit dem Finger auf die Seite tippen. Im Wort, das man so gefunden hat, steckt die Antwort.

Orakel: Visionen, Trance und Traumdeutung

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In vorchristlicher Zeit gehörte Weissagung zur Hauptaufgabe der Priesterschaft und der Tempel war eine Orakelstätte, an der vor allem Trance und Traumdeutung praktiziert wurden. Das Wort Vatikan geht auf vaticinum zurück, was im Lateinischen Weissagung bedeutet. Und tatsächlich steht der Petersdom etwas oberhalb eines alten etruskischen Heiligtums, das ganz sicher eine Orakelstätte war. Ursprünglich lag das Orakelwesen, wie auch alle anderen Kulthandlungen, allein in den Händen von Priesterinnen. Erst mit dem allmählichen Aufkommen des Patriarchats ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. eigneten sich männliche Priester mit Opferbetrieb, Kalenderwesen und Schriftkunde auch die Orakel an. Aber selbst nachdem Apollo zum Herrn des Delphischen Orakels wurde, das zuvor der Erdgöttin Gaia gehörte sowie nach Überlieferungen auch Themis, der zweiten Frau von Zeus, die ebenfalls eine Prophetin gewesen sein soll, diente dort weiterhin eine Priesterin als Verkünderin des göttlichen Willens.

Für die besten dieser Propheten war es das Wichtigste, der Versuchung zu widerstehen, bei der Deutung intellektuell einzugreifen, um das Gehörte vorschnell in eine klare Antwort zu übersetzen. Vielmehr gaben sie dem, was sie gesehen und gehört hatten, genügend Zeit, um seine Bedeutung zu entfalten. Sie verglichen Worte des Orakels mit Samen, die prall gefüllt und bedeutungsschwanger Dimensionen enthalten, deren Sinn sich erst mit der Zeit enthüllte.

Mit der Ausbreitung des Christentums verstummten die alten Orakel immer mehr, bis sie schließlich 391 n. Chr. durch Kaiser Theodorus I allesamt verboten wurden. Etwa 30 Jahre zuvor hatte einer seiner Vorgänger, der Kaiser Julian, noch in Delphi Rat gesucht. Damals sprach das Orakel nach seiner mehr als tausendjährigen Geschichte zum allerletztem Mal. Durch den Mund seiner Priesterin ließ Apollo den Kaiser wissen, dass er nie wieder prophezeien werde. Und auch diese letzte Prophezeiung hat sich erfüllt.

Ob Orakel noch zeitgemäß sind, hängt aber vor allem davon ab, wie der Einzelne damit umgeht. Fragt er das Orakel aus Schwäche oder Stärke? Wer es aus Schwäche befragt, unterwirft sich dem Orakel und verlässt sein Haus zuletzt nur noch, wenn es ihm die Karten oder Sterne „erlauben“. Ein solcher Mensch sollte sich schnellstens bewusst machen, dass Tarot (oder jedes andere Orakel) ein guter Diener ist, aber ein schlechter Herr. Sich den Rat des Orakels zu Diensten zu machen ist bereichernd, sich aber einem Orakel blind zu unterwerfen ist abwegig. Zudem suchen Menschen in Orakeln oftmals so etwas wie eine esoterische Glücksversicherung, also ein System, das jederzeit sicherstellen soll, dass alles gut geht. Es ist aber sehr zweifelhaft, ob wir auf die Welt kamen, damit es uns hier nur gut geht. Vielmehr scheint es, dass wir hier sind, um innere und äußere Spannungen und Widersprüche zu überwinden, und das können wir wohl kaum, indem wir allen Herausforderungen aus dem Wege gehen. Ein Blick in das Horoskop zeigt, dass jeder Mensch mit vielen Spannungen und inneren Widersprüchen geboren wurde, und es scheint, dass wir ein Leben lang Zeit haben, diese Dissonanzen zu einer großen Symphonie umzugestalten.